Leitartikel

Unser Gehirn im Bauch

Von Wiebke Toebelmann · 2017

Ein Marionettenspieler spielt mit dem Hirn eines Mannes. Neue Erkenntnisse besagen, der Darm hätte unsere psychische Gesundheit im Griff.

Der Magen-Darm-Trakt des menschlichen Körpers ist ein komplexes Transport- und Verarbeitungssystem mit einem echten Eigenleben. Nicht nur die Verdauung wird hier geregelt: Der Darm ist auch zentral für unser Immunsystem. Und neue Erkenntnisse besagen, er hätte sogar unsere psychische Gesundheit fest im Griff.

Abgebissen, durchgekaut und runtergeschluckt: Ist Essen erst mal in unserem Schlund verschwunden, machen wir uns wenig Gedanken über das, was dann damit passiert. Dabei begeben sich die Nahrungsbrocken auf eine faszinierende Reise durch unseren Magen-Darm-Trakt. 

Ganze drei Tage lang ist jede von uns verzehrte Mahlzeit darin unterwegs. Der Magen ist dafür zuständig, das Gegessene zu einem dünnen Brei zu verarbeiten, aus dem sich der Dünndarm dann das holt, was unser Blutkreislauf braucht: wertvolle Nährstoffe und Energie. Der Dickdarm wiederum macht das Flüssige wieder fest: Nun entsteht Stuhl in seiner bekannten Konsistenz, der ausgeschieden wird. 

Verdauung: Verkehrsregelung mal anders

Ein Prozess, der so einfach klingt und doch so hochkomplex ist – und natürlich irgendwo gesteuert werden muss. Organisiert wird er durch das „Gehirn im Bauch“, unseren Darm, der von hundert Millionen Nervenzellen umschlossen ist. Wie eine gut aufgestellte Verkehrspolizei winkt er gut verträgliche Nahrung durch bis zur Ausscheidung, lässt andererseits aber auch schwer verdaulichen Darminhalt noch etwas länger liegen, damit er besser zersetzt werden kann. Der Transport gerät durch Faktoren wie schlechte Ernährung leicht ins Wanken, sodass Durchfall, Verstopfung oder Bauchweh die Folge sein können. Rot sieht das intelligente Darm-Kontrollsystem bei Giftstoffen und reagiert im unangenehmsten Fall mit dem radikalen Rücktransport, der mit Erbrechen über der Kloschüssel endet. Galt der Darm früher als nicht mehr als ein Transportschlauch für Nahrungsbrei, ist heute bekannt, dass weit über die Hälfte der Immunzellen unseres Abwehrsystems an der Dickdarmschleimhaut sitzen. Diese starke Armee aus Zellen hat Verstärkung durch Milliarden von Bakterien – unsere Darmflora.

Quelle: Statista-Umfrage, 2017

Die Seele im Darm

Der Darm ist also ein Wunderwerk mit erstaunlichen Fähigkeiten. Besonders interessieren sich Forscher zurzeit für seine enge Verknüpfung mit unserem Gehirn, die durch spannende neue Studien untersucht wird. So soll der Darm sogar Einfluss auf unsere Psyche haben. Umgekehrt wissen wir schon lange, dass Sorgen, Trauer, Stress und Ängste unsere Darmaktivität bremsen oder anregen können: Der Ausspruch „Das macht mir Bauchschmerzen“ spricht Bände. Neurowissenschaftler aus Irland, den USA, Österreich und Deutschland legen nun Thesen vor, die belegen wollen, dass eine gestörte Darmflora Angsterkrankungen oder Depressionen verursachen kann. Der Einsatz von Darmbakterien könnte also zumindest helfen, solche Beschwerden zu lindern. Probiotische Joghurtprodukte gehören zu diesem Therapieansatz. 

Pflege und Vorsorge

Angesichts der Tatsache, wie zentral der Magen-Darm-Trakt für so viele Aspekte unseres Lebens und Wohlbefindens ist, liegt es auf der Hand, dass wir gut für ihn sorgen müssen. Umso wichtiger, auf Warnzeichen zu achten. Dazu gehören etwa Sodbrennen, Magendruck und Übersäuerung, die eine Magenspiegelung erforderlich machen können. Dass etwas mit dem Darm nicht stimmt, zeigt sich oft durch Blut im Stuhl, Durchfall oder Gewichtsverlust. Solchen Symptomen muss unbedingt auf den Grund gegangen werden. Steckt zum Beispiel eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung wie Colitis ulcerosa oder Morbus Crohn dahinter? Oder harmlose Hämorrhoiden? Vor allem, wenn es um den Darm und seine Ausscheidungen geht, gehen viele Menschen aus Scham nicht oder erst bei starken Beschwerden zum Arzt. Der Arztbesuch ist aber wichtig, um ernsthafte Erkrankungen ausschließen oder auch therapieren zu können. Darüber hinaus können wir auch täglich etwas für unseren Verdauungsapparat tun: Viel Flüssigkeit trinken sowie vitaminreiche, abwechslungsreiche und ballaststoffreiche Kost helfen, dieses Wunderwerk am Laufen zu halten.

Array
(
    [micrositeID] => 44
    [micro_portalID] => 26
    [micro_name] => Magen und Darm
    [micro_image] => 2322
    [micro_user] => 1
    [micro_created] => 1481554947
    [micro_last_edit_user] => 1
    [micro_last_edit_date] => 1481886320
    [micro_cID] => 1432
    [micro_status] => 1
    [micro_cache] => 0
    [deleted] => 0
)